Dienstag, 10. Juli 2007

Was ist Mystik? G. Tersteegen antwortet: "... die christliche Gottseligkeit in ihrer besten Kraft, Schönheit und Völligkeit ..."

Was bisher geschah: Im ersten Teil der Reihe „Was ist Mystik?“ wurde eine Möglichkeit genannt, was man unter Mystik verstehen oder wie man sie erklären könnte. Ausgehend vom griechischen „myein“, das man mit „schweigen“ und im übertragenen Sinn mit „nicht beachten“ oder „nicht wahrnehmen“ übersetzen kann, sind Mystiker Menschen, die sich von allem abwenden, was sie daran hindert, auf Gott zu achten. Sie verschließen Augen und Ohren für alles, was die Aufmerksamkeit für Gott stören könnte. Soweit in unvollständiger Kürze.


Gerhard Tersteegen (1697 – 1769) wurde von einem seiner Brieffreunde darüber befragt, was denn Mystik überhaupt sei. Darauf antwortete er in zwei uns heute noch erhaltenen Briefen, was man unter Mystik und mystisch zu verstehen habe: „Sie verlangen zu wissen, was man eigentlich unter Mystik oder mystischer Theologie verstehe. Ich antworte: Das kann keiner recht sagen, oder er muss selbst ein Mystiker sein, und keiner gebührend, wo er nicht selber auf dem Wege ist, ein solcher zu werden.“



Im Folgenden erläutert er dann seinem fragenden Freund, dass Mystik nichts mit Schwärmerei zu tun hat, dass „Gesichte, Offenbarungen, Einsprachen, Weissagungen und manche andere außerordentliche Dinge ... so gar nicht zum Wesentlichen der Mystik gehören“, sondern dass vielmehr zuerst „alle zur Seligkeit erforderlichen Grundwahrheiten ihre Richtigkeit bei uns haben“ müssen. Alle Wahrheiten der Bibel und im Besonderen die durch Jesus geschehene Versöhnung des Menschen mit Gott sind das Fundament. Mit vielen Versen der Bibel versucht er nun zu erklären, was er weiter unter Mystik versteht, was sie ausmacht und doch eigentlich der Wunsch derer sein sollte, die mit allem Ernst Christ sein wollen. Mystik ist
  • das Bleiben in Jesus – Joh 15, 4

  • das Anhangen an Gott, um eine Geist mit ihm zu werden – 1. Kor 6, 17

  • der Wandel in der Gegenwart Gottes – Gen 17, 1

  • das Anbeten in Geist und Wahrheit – Joh 4, 23

  • die Reinigung von allen Befleckungen des Fleisches und des Geistes, welche etwas anderes ist, als die anfängliche Reinigung von den toten Werken – 2. Kor 7, 1

  • die Ausgießung der Liebe Gottes in das Herz – Röm 5, 5

  • die Liebe, welche endlich alle Furcht austreibt – 1. Joh 4, 18

  • die Salbung, welche alles lehrt – 1. Joh 2, 20

  • das Beschauen der Herrlichkeit Gottes – 2 Kor 3, 18

  • die Offenbarung der Innewohnung Gottes in der Seele – Joh 14, 21 ff

  • das Leben Christi im Menschen – Gal 2, 20

  • der Friede Gottes, welcher alles übersteigt – Phil 4, 7

  • das Vollkommen und Einssein mit Gott – Joh 14, 23

Hey! Das kommt ja wirklich alles in der Bibel vor. Und alles, was Tersteegen zitiert, wünsche ich mir für mein Leben sehr. Auf die Umsetzung und was das im Einzelnen bedeutet - darauf kommen wir später noch. Die Antwort Tersteegens macht deutlich, dass er ein so ganz anderes Verständnis von Mystik hatte, das sich auffällig von der landläufigen Meinung darüber unterscheidet. Nicht außergewöhnliche Visionen über die Trinität, die Entstehung des Bösen oder den Fall des Menschen, nicht Erfahrungen mit Extasen und Visionen sieht er als Merkmal der Mystik an, sondern vielmehr eine ganz nüchterne, in den alltäglichen Sorgen und Freuden des Leben geerdete und an der Bibel orientierte Haltung des Glaubens: „Mystiker sind keineswegs Enthusiasten (Schwärmer) ...“ Und: „Wenn ein jeder der Lehre und dem Leben Jesu folgte, so würden alle ohne Zweifel einig und innig, und die Welt voller Mystiker werden.“


Ist denn nun jeder Christ ein Mystiker? Es geht weiter ...


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